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Kriminalität

NIUS enthüllt, wer hinter der Ideologie vom Berliner Brandanschlag steckt – und wie die Linksextremisten mit Steuergeldern finanziert werden

  • Linksextremistisches Treffen in Basel: Die Gruppe Çapulcu diskutierte bei einem konspirativen Treffen den Berliner Stromanschlag als „symbolisch, aber nicht schlecht“ und erörtete weitere Terror-Anschläge auf Einrichtungen von Elon Musk oder pro-männliche Influencer-Veranstaltungen. Anleitungen zum Vernichten von DNA-Spuren liegen herum.
  • Investigativreporter von NIUS geben Einblick in eine Szene, die offenkundig direkte Verbindungen zu den „Vulkangruppen“ hat. Diese zeichnen sich für den Anschlag in Berlin verantwortlich, der vergangene Woche einen viereinhalbtägigen Blackout verursachte.
  • Die Szene wird mit Steuergeld gefördert: Der Arbeitgeber des Çapulcu-Kollektiv-Anführers Guido Arnold erhielt über 145.000 Euro vom Bildungs- und Familienministerium unter den Ex-Ministerinnen Lisa Paus (Grüne) und Stark-Watzinger (FDP). Ein Projekt, bei dem es beteiligt war, erhielt vom Familienministerium über 555.000 Euro im Rahmen von „Demokratie leben“.
  • Der Verlag, in welchem das Çapulcu-Kollektiv publiziert, wird mit Kanzleramt-Geldern gefördert: Arnold veröffentlichte Bücher im Unrast-Verlag, in welchem zu Linksterrorismus aufgerufen wird – und der 50.000 Euro vom Merz-Vertrauen und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer erhielt.

Neun Tage sind seit dem verheerenden Anschlag auf ein Kabelwerk in Berlin-Lichterfelde vergangen. Der Brand in einem Kabelhaus schnitt mehr als 130.000 Menschen in der Hauptstadt für 101 Stunden vom Strom ab. Wer hinter der Sabotage steckt, ist nach wie vor ungeklärt. Nach Informationen von NIUS tappen die Ermittler im Dunkeln, wohl auch, weil am Tatort forensische Spuren fehlen. Die „Vulkangruppe“, die sich zu dem Brandanschlag bekannte, agiert zudem konspirativ und professionell, heißt es von Seiten der Ermittler. Doch erstmals hat NIUS eine Spur aufgespürt, die zu Aktivisten führt, deren Gedankengut und Weltbilder denen der Berliner Täter in erschreckender Weise gleichen – und die weitere Anschläge planen.

Am Samstagabend ist es in Basel auf vier Grad Außentemperatur abgekühlt, in einem Hinterhof im Stadtteil Klybeck weht ein kalter Wind. Im Halbdunkel einer unscheinbaren Tür, die in das Hinterhaus des „neuen kinos“ führt, versammeln sich Personen in schwarzer Kleidung, Turnschuhen und Kapuzenpullis. An dem Abend soll um „Big Tech goes MAGA – eine faschistische Allianz“ gehen, so kündigt ein linker Blog den Abend an. Das Çapulcu-Kollektiv, eine Anarchisten-Gruppierung aus Deutschland, das sich selbst als „Kollektiv“ beschreibt, ist dafür extra in die Schweiz angereist. In Basel werden die Aktivisten stundenlang erörtern, weshalb Techgiganten ein gesellschaftliches Übel darstellen – und wie man sie mittels Anschlägen schwächen könnte.

Schauplatz eines anarchistischen Vernetzungstreffens: Das „neue kino“ in Basel.
Schauplatz eines anarchistischen Vernetzungstreffens: Das „neue kino“ in Basel.

Was die Teilnehmer nicht wissen: Auch NIUS hat sich unter die Teilnehmer gemischt. Die Recherche in der autonomen Szene bietet Einblick in die Gedankenwelt von radikalen Technologiefeinden, die sich abschotten, vernetzen, Terroranschläge auf kritische Infrastruktur planen, und: zwischen denen und der „Vulkangruppe“ offenkundige Verbindungen bestehen – der Gruppe, die jüngst einen Terroranschlag auf die Strom-Infrastruktur den Berliner Südwestens verübte.

Etwa dreißig Personen finden sich an dem Abend in Basel ein, darunter Linksradikale aus der Region. Die Stimmung ist gedämpft und geheimniskrämerisch. Auf einem Tisch liegen Hefte aus: „Tails“, „Disrupt“ und „Disconnect“, aber auch andere Publikationen, die ins Auge fallen. Ein Heft trägt den Titel „Wie verwische ich meine DNA-Spuren?“, mit expliziten Tipps zur „Vermeidung“ und „Entfernung“ von DNA an Tatorten, etwa durch Chemikalien wie Natriumhypochlorit, Formaldehyd, Ethylenoxid oder Peressigsäure. Ein anderes Heft zeigt einen Strommast auf dem Cover, der Titel lautet: „Erhobenen Hauptes. Flammenden Herzens“. Es handelt sich um eine Sammlung von Texten über einen Anschlag auf auf die Enegerieinfrastruktur, veröffentlicht auf der linksextremen Plattform Indymedia, wo sich Linksradikale regelmäßig zu Anschlägen bekennen.

Bei Çapulcu in Basel wird gelehrt, wie man DNA an Tatorten vernichten könne: Auch die Vulkangruppe hinterließ keine forensischen Spuren.
Bei Çapulcu in Basel wird gelehrt, wie man DNA an Tatorten vernichten könne: Auch die Vulkangruppe hinterließ keine forensischen Spuren.

Handreichung zu linksextremen Aktivismus: Die Broschüren von Basel.
Handreichung zu linksextremen Aktivismus: Die Broschüren von Basel.

Im Zentrum der Veranstaltung steht ein Mann namens Guido Arnold. Der Mann gilt als zentrale Figur des Çapulcu-Kollektivs, das an diesem Abend im „neuen kino“ gastiert. Ob es überhaupt andere Mitglieder gibt, ist unklar. Bei öffentlichen Auftritten tritt ausschließlich Arnold in Erscheinung. Auch heute ist er allein für das „Kollektiv“ vor Ort.

Arnold referiert neunzig Minuten lang und trägt dieselben Inhalten vor, die seine Gedankenwelt seit Jahren prägen – und die sich auch bei der „Vulkangruppe“ wiederfinden werden: Technik sei intrinsisch feindlich, entwickelt von Figuren wie Elon Musk oder Peter Thiel, die „protofaschistische“ Ideen vertreten würden. Der hagere Mann mit Funktionsmütze und Nickelbrille warnt vor einer „Schieflage“ in der Tech-Branche, die Faschismus fördere: „In welcher Relation das zu einer faschistischen Bewegung in den USA steht, das würde ich gerne ein bisschen genauer analysieren.“

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    Arnold in einem Selfie-Video aus dem Jahr 2018, in dem er seinen Protest gegen Jeff Bezos und Amazon ankündigt.

    Kritische Männlichkeit, staatliche Registerlisten und Elon Musk als Anschlagsziele

    Nach dem Vortrag bilden die Anwesenden einen Stuhlkreis. Die Diskussion ist mitgeplant – als essentieller Teil der für vier Stunden angesetzten Veranstaltung. Über eine Stunde lang dreht sich dann erst einmal alles um den Ausstieg aus dem digitalen Leben; Arnold lässt der Debatte freien Lauf. Lediglich, als es für einen Moment um die Frage des Aktivismus geht, wird er kurz entschieden. „Fridays for Future“ und ähnliche Bewegungen seien ja wohl endgültig „gescheitert“.

    Als nach nur vier Stunden nur noch etwa fünfzehn Personen übrig geblieben sind, rückt der Kreis enger zusammen. Und: Arnold spricht von „konkreten Angriffspunkten“. Er nennt Institutionen der „Tech-Faschisten“ wie beispielsweise Elon Musk: „Ich würde in den USA gucken: Wo ist denn das Institut, das genau diese Forschung von Elon Musk betreibt? Wo werden Kandidaten für künstliche Gebärmütter durchgetestet? Das wäre für einen physischen Angriff natürlich geradezu ausgezeichnet.“

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        Eine junge Frau kommt auf neue positiv konnotierte Männlichkeit in sozialen Medien zu sprechen und dass das ein Problem wäre. Arnold lenkt das Gespräch geschickt zum „physischen Angriff“: „Ich sehe darin mögliche Angriffspunkte“, erklärt er, „die Leute treffen sich nicht nur im Netz. Es gibt Veranstaltungen. Ich sehe sie als Örtlichkeiten, bei denen man aus feministischer Perspektive einen Angriff machen kann. Das wäre eine klassische Praxis an den Orten, an denen sich diese Menschen physisch treffen.“

        Eine weitere Teilnehmerin kommt auf ein etwaig geplantes Register für sogenannte queere Personen zu sprechen: Sollten Rechte an die Macht kommen, müsse man so ein staatliches Register angreifen. Arnold pflichtet bei: „Das ist natürlich auch je nach politischer Entwicklung ein unglaublich sensibles Feld. Und das ist natürlich auch eine alte Geschichte, dass solche Register quasi zur Identifizierung dienen, gegen die man vorgehen muss.“ Die Stimmung ist bedacht; Sekunden des Schweigens unterbrechen die Beiträge. Niemand will zu viel riskieren.

        Guido Arnold vom Çapulcu-Kollektiv zeigt an diesem Abend sein ganzes Geschick, Unentschlossene und womöglich sogar unsichere Menschen, die zwar eine vage Frustration spüren, aber gar nicht sicher sagen können, was sie jetzt tun sollen, in seine Richtung zu lenken: Er selbst spricht lange nicht darüber, was man nun konkret tun müsse, sondern wartet, bis die Teilnehmer selbst solche Gedanken entwickeln. Während des gesamten Abends ist zu spüren, dass es Arnold darum geht, Dinge in den Raum zu stellen – und zu warten, bis jemand anbeißt. Am Ende sollen die Anwesenden die Gedanken selbst formulieren, so der Eindruck. Eine platonische Art der Gesprächsführung, die Anstoß zu einer vermeintlichen Selbsterkenntnis gibt, ist nachhaltiger als Frontalvortrag. 

        Schließlich kommt im Stuhlkreis auch der Berlin-Anschlag zur Sprache: Tunlichst wird vermieden, von „Vulkangruppe“ oder von „Anschlag“ zu sprechen. Ein Basler Autonomer spricht von „diesem einen Angriff“. Dem Anschlag auf die Berliner Infrastruktur und der folgende Stromausfall für hundertausend Berliner werden eine eher „symbolische“ Wirkung zugeschrieben, zwar ein „Bruch mit den herrschenden Verhältnissen“, aber ohne „materielle Auswirkungen“. Auch deshalb kommt man auf konkretere Ziele, wie Elon Musk' Unternehmen, mögliche Kooperationspartner und rechte Akteure zu sprechen. 

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          Ein Dutzend Anschläge – und neue Nachahmungstäter?

          Die Vorgänge in Basel sind deshalb so interessant, weil sie Einblicke in eine konspirativ agierende Szene ermöglichen. Und weil sie die bisher heißeste Spur in ein Milieu darstellen, das Schnittmengen mit der „Vulkangruppe“, also den Linksterroristen von Berlin, aufweist.

          THW und Techniker stehen am Tatort, dem Heizkraftwerk Lichterfelde in Berlin.
          THW und Techniker stehen am Tatort, dem Heizkraftwerk Lichterfelde in Berlin.

          Um das zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen: Hinter der „Vulkangruppe“ vermuten die Ermittler ein loses Netzwerk aus unabhängig voneinander operierenden Zellen, die seit 2011 immer wieder Anschläge auf kritische Infrastruktur verüben. Die Akteure aus dem anarchistischen Spektrum legen Brände an Kabelschächten, Sendemasten, Stromversorgungsleitungen und Mobilfunkmasten. Zu den bekannten Anschlägen, zu denen sich die Gruppierungen seit 2011 bekannten, gehören der Brandanschlag auf Starkstromleitungen im Berliner Norden im März 2018 sowie wiederholte Attacken auf die Stromversorgung des Tesla-Werks in Grünheide (Brandenburg), darunter ein Vorfall im Jahr 2024, der die Fabrik vorübergehend stilllegte. Der Anfang Januar verursachte Blackout in den Berliner Stadtteilen Zehlendorf, Wannsee, Nikolassee, Schlachtensee und Lichterfelde gilt als bisher größter Coup der Gruppierungen; es handelt sich um nicht weniger als den längsten Stromausfall in der Geschichte der Bundesrepublik.

          Insgesamt rechnen Ermittler nach Informationen von NIUS der „Vulkangruppe“ mehr als ein dutzend strafbare Tatkomplexe zu. Die Gruppierung soll unter anderem in Nordrhein-Westfalen und Bayern Nachahmungstäter oder Kollaborateure haben, die sich etwa „Kommando Angry Birds“ nennen. Ansonsten ist so gut wie gar nichts über sie bekannt, weshalb Ermittler ebenso wie Journalisten die Bekennerschreiben analysieren, um daraus mögliche Rückschlüsse abzuleiten.

          Eine Chronologie der Anschläge, die den „Vulkangruppen“ zugerechnet werden: Ermittler sehen hier verschiedene Zellen am Werk.
          Eine Chronologie der Anschläge, die den „Vulkangruppen“ zugerechnet werden: Ermittler sehen hier verschiedene Zellen am Werk.

          Technologie-kritische Hacktivistinnen nutzen das „Vulkangruppe“-Vokabular

          In einem Selbstbezichtigungsschreiben vom 4. Januar, die auf der Leipziger Antifa-Plattform „Knack“ veröffentlicht wurde, bekannte sich besagte „Vulkangruppe“ zu dem Anschlag auf die Hochspannungsleitungen der Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde. Darin wird der Angriff, der den Berliner Stromausfall verursachte, als militanter Widerstand gegen die „Gier nach Energie“ und die „Zerstörung der Erde“ bezeichnet. Die Täter schreiben, die Erde sei „ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört.“ Das Schreiben, das von einem technologiefeindlichen und kapitalismuskritischen Sound durchsetzt ist, prangert einen „unersättlichen Energiehunger“ an, der die Klimakatastrophe vorantreibe.

          Technologien wie Künstliche Intelligenz und „Clouds“, also gigantische Serverzentren, hätten, so die Autoren, ein System der totalen Überwachung und Manipulation geschaffen. Die „Smart City“ gilt in ihrem Weltbild als Kontrollarchitektur; die Energiewende als „Nebelkerze“, die den „Fortschritt der Zerstörung“ kaschiere. Der Text endet mit einem Aufruf zur Sabotage: „Wir sagen nicht, wir wüssten den Ausweg. Aber wir wissen, wir müssen diese Zerstörung unterbrechen.“

          Die genutzten Metaphern, Ausdrücke und Argumentationsmuster jener „Vulkangruppe“ ähneln massiv den Schreiben des Autorenkollektivs Çapulcu, welches eine Woche später in Basel referieren sollte. Die Welt am Sonntag hatte als erste über die Ähnlichkeiten zwischen dem Sound von Çapulcu und der „Vulkangruppe“ berichtet. Die Erkenntnisse decken sich mit Recherchen von NIUS: Mehrere Schriften des Çapulcu-Kollektivs, die mit „Diverge“, „Disrupt“ und „Delete“ betitelt sind und die im Unrast-Verlag veröffentlicht wurden, weisen frappierende Ähnlichkeiten mit dem Bekennerschreiben der Täter des Berliner Blackouts auf.

          Das Çapulcu-Kollektiv wird vom Verlag dabei als „Gruppe technologie-kritischer Aktivistinnen und Hacktivistinnen“ angepriesen. Der Çapulcu-Begriff rekurriert auf Gezi-Proteste in der Türkei, deren Teilnehmer von Präsident Recep Tayyip Erdoğan als „Nichtsnutze“, auf Türkisch: Çapulcus, bezeichnet wurden. Ihnen gelte die Solidarität des Kollektivs. Weiter heißt es bei Unrast: Çapulcu „veröffentlicht Texte in verschiedenen linken Medien, bringt regelmäßig Broschüren heraus und bietet Diskussionen, Seminare und Schulungen für linke Aktivistinnen, Journalistinnen und Anwältinnen an.“

          Der Mann hinter dem Kollektiv Çapulcu heißt Guido Arnold. Er wird auch in Basel die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und als Kopf der Gruppe auftreten. Eigentlich ist Arnold, der im Internet wiederholt das Pseudonym Lars Wehring nutzt, Physiker und Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sozialforschung. Dabei ist unklar, wie viele Mitglieder Çapulcu wirklich hat; womöglich besteht es nur aus Arnold. In einem Interview mit der linksextremen Website anarchismus.de bedankte sich der Fragesteller beim vermeintlichen Kollektiv mit den Worten: „Ich danke dir sehr für das Gespräch!“. 

          Ein Geflecht aus Sabotageplänen, Steuergeldern und Aktivismus: Guido Arnold im Zentrum des Çapulcu-Kollektivs.
          Ein Geflecht aus Sabotageplänen, Steuergeldern und Aktivismus: Guido Arnold im Zentrum des Çapulcu-Kollektivs.

          Feindbilder? Tech, Smart Cities, Clouds und Wachstum

          NIUS analysierte die Schriften des Kollektivs mit Blick auf Überschneidungen zur „Vulkangruppe“. Die größte und auffäligste Ähnlichkeit zwischen den Texten von Çapulcu und den Bekennerschreiben besteht zweifelsohne im Begriff des „technologischen Angriffs“, der sowohl bei Çapulcu als auch bei der „Vulkangruppe“ eine zentrale Rolle einnimmt.

          Die Idee dahinter: Es gebe keine „neutrale Technik“. Vielmehr trage diese einen bestimmten Geist in sich, den Geist ihrer Erschaffer und Entwickler, die wiederum oft Rechte seien, wie Arnold anführt. Der Wunsch nach Macht und Kontrolle, der sich hinter jedweder Technik verberge, schränke das Individuum in totaler Weise in seiner Autonomie ein. Konsequent zu Ende gedacht gibt es aus diesem pessimistischen Technikbild nur einen Ausweg: die Zerstörung und Sabotage – im Sinne der „Selbstermächtigung“. Der Begriff des des „technologischen Angriffs“ findet sich mehr als ein Dutzend Mal in Büchern von Çapulcu und vier Mal im Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“.

          Die „Klimakrise“ und „Zerstörung der Erde“ werden bei Çapulcu als technokratisch verschärft kritisiert, während in dem Bekennerschreiben von „Zerstörung der Erde“, „menschen-gemachten Klimawandel“ und „Klimakatastrophe“ die Rede ist. Die „Smart City“ gilt in den Schriften von Çapulcu als behavioristisches Kontrollsystem, passend zu „Smartcity-Metropolen“ und dem Aufruf in „Vulkangruppe“-Schriften, die „Smart City Berlin“ zu „sabotieren“. Çapulcu schreibt zu Technik und Einsamkeit: In Widerstandscamps habe man wieder gelernt, was Vertrauen bedeute, „das nur dann entsteht, wenn man nicht per Smartphone telefoniert, sondern sich gegenseitig in die Augen sieht.“ Im Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“ heißt es: Durch „Clouds“, „Rechen- und Serverzentren“ hätten wir „verlernt… unserer Nachbar:in in die Augen zu schauen.“

          Publizierte Anleitungen für den Widerstand gegen fortschreitende Technologisierung: „Delete“ aus dem Unrast-Verlag.
          Publizierte Anleitungen für den Widerstand gegen fortschreitende Technologisierung: „Delete“ aus dem Unrast-Verlag.

          Die „Energiewende“ wird bei Çapulcu implizit als falscher Fortschritt abgetan, im Schreiben der „Vulkangruppe“ als „Nebelkerze“. Die „Gier nach Energie“ ähnelt dem „digitalen Energiehunger“ aus der Çapulcu-Schrift „Diverge“; der „Fortschritt der Zerstörung“ der „Vulkangruppe“ echoet der „Fortschritts- und Wachstumsorientierung mit Zerstörung der Erde“, die die Unrast-Autoren beklagen. Die Vokabel der „Tech-Faschisten“ findet sich sowohl bei Çapulcu als auch in Schreiben der „Vulkangruppen“, ebenso Fachausdrücke wie „Solutionismus“ und „Behaviorismus“.

          Und: In „Diverge“ zitiert das Kollektiv Çapulcu im Kapitel „Dokumentierte Widerstände“ ein ganzes Schreiben der „Vulkangruppe“, das nach dem Anschlag auf das Heinrich-Hertz-Institut in Berlin-Charlottenburg 2018 veröffentlicht wurde. Damals zündeten Täter Kommunikationskabel auf einer Baustelle an, um Arbeiten an der Corona-App lahmzulegen. Im Buch endet die Losung der Gruppe mit „shut down the power“. Rund acht Jahre später, im Januar 2026, heißt es bei der „Vulkangruppe“: „Den Herrschenden den Saft abdrehen“.

          Ebenfalls bemerkenswert: Çapulcu erklärte am vergangenen Samstag in Basel, beim Vortrag, bei dem NIUS undercover dabei war, wie man keine DNA-Spuren bei Anschlägen hinterlasse, was wiederum geradezu stilprägend für den modus operandi der „Vulkangruppe“ ist. Das Kollektiv Çapulcu klärte auch online früh darüber auf, wie man digitale Spuren im Internet verwischen könne, etwa, indem man Metadaten von hochgeladenen Anhängen entferne.

          Dabei sei ein Tool namens MAT2 hilfreich. Dieses Werkzeug nutzte in der Vergangenheit sowohl die „Vulkangruppe“ als auch „Switch Off“: also eine weitere linksextreme Gruppierung, in deren Bekennerschreiben sich wortgleiche Çapulcu-Passagen wiederfinden. Laut Welt soll das das Çapulcu-Kollektiv Arnolds zudem mindestens einen Text veröffentlicht haben, aus dem später wortgleiche Passagen im Bekennerschreiben von „Switch Off“ auftauchen.

          Der Vergleich zwischen den Çapulcu-Texten und dem Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“ weist massive Parallelen auf, was nicht bedeutet, dass das Autorenkollektiv deckungsgleich mit der „Vulkangruppe“ sein muss. Die Überschneidungen belegen aber sehr wohl, dass die Täter der „Vulkangruppe“ von „Çapulcu“-Schriften inspiriert sein dürften, und sich aus einem ähnlichen, wenn nicht sogar gleichen Milieu rekrutieren.

          Eine Anfrage von NIUS, wie das Kollektiv Çapulcu die Ähnlichkeiten erkläre, blieb bis Fristende unbeantwortet. 

          Einst vom Verfassungsschutz beobachtet, heute mit Geldern gepampert

          Erschienen sind die Schriften des Çapulcu-Kollektiv derweil beim Berliner Unrast-Verlag. Dies ist vor dem Hintergrund brisant, dass der Verlag 50.000 Euro an Steuergeldern durch den Deutschen Verlagspreis erhalten hat, der von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vergeben wurde. Zuvor überwies Claudia Roth (Grüne) 23.000 Euro. Trotz Kenntnis der Inhalte, darunter Broschüren zum Linksterrorismus, weigerte sich der Kulturstaatsminister, die Förderung von Unrast zu überprüfen. Er sah keinen „Verdacht auf Gewaltverherrlichung, Jugendgefährdung oder Verfassungsfeindlichkeit“. Und das, obwohl sich auch schon in anderen Broschüren des Verlags Tipps anonymer Autoren zu Linksterrorismus und Häuserkampf wiederfinden. Aber auch: Anleitungen, wie man Bekennerschreiben verfasst, ohne DNA-Spuren zu hinterlassen.

          Nun stellt sich heraus: Bei den Antifa- und Antira-Anleitungen handelt sich nicht um die einzigen Schriften im Unrast-Verlag, die Linksextremismus glorifizieren. Auch Çapulcus Anleitungen zu Sabotageakten und Ökoterrorismus, die die „Vulkangruppen“ zumindest maßgeblich inspiriert haben dürften, finden sich im prämierten Verlag. 

          Der Unrast-Verlag bewirbt mit dem Claim „Bücher der Kritik“ Schriften, die Sabotageakte auf kritische Infrastruktur begrüßen.
          Der Unrast-Verlag bewirbt mit dem Claim „Bücher der Kritik“ Schriften, die Sabotageakte auf kritische Infrastruktur begrüßen.

          Angesichts der Äußerungen Arnolds in Basel und den Inhalten der Bücher wundert es dabei, dass die Behörden Arnold, die technikfeindliche und ökoextremistische Szene sowie den Verlag nicht im Blick zu haben scheinen. Einst war dies anders: Der Unrast-Verlag wurde 1995 vom Verfassungsschutz als linker „Szene-Verlag“ erwähnt. Im Jahr 2008 nannte ihn der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalens in einer Reihe mit Verlagen, die „libertäre, alternative und/oder sozialrevolutionäre Vorstellungen“ förderten und sich „an die autonome Szene wenden“.

          Weitaus später folgten dann die fortschritsverneinenden Publikationen von Arnold und Çapulcu: „Disrupt. Widerstand gegen den Technologischen Angriff“ im Jahr 2017, „Delete! Digitalisierte Fremdbestimmung“ im Jahr 2019 und „Diverge! Strategien des Widerstands gegen den Zugriff disruptiver Technologien auf die entlegensten Bereiche unseres Lebens“ im Jahr 2021. Ein Buch zur Pandemie wurde 2022 verlegt, ein Werk zu linken Utopien ist für dieses Jahr geplant. 

          Trotz expliziter Bejahung von Sabotageakten auf kritische Infrastruktur deutet nichts darauf hin, dass die Schriften oder der Verlag heute Gegenstand inlandsnachrichtendienstlicher Observationen sind. 

          Ein Sektenguru tourt durch die Bundesrepublik – und lädt nach Berlin

          Das „anarcho-primitivistische Milieu“, wie es in Behördensprache heißt, kann im Großen und Ganzen also ungestört agieren. Seit 2014 hat Arnold nach eigenen Angaben über 120 Vorträge gehalten, oft in autonomen Zentren. Er gleicht dabei einem ökobewussten Antifa-Guru, der durch Jugendzentren und besetzte Häuser tourt, und in jungen Menschen den Glauben an radikale Ideen entfacht. Ob diese Tätigkeit als linker Wanderprediger Rückschluss auf das „Franchise-System“ der „Vulkangruppe“ – also die Fragmentierung in kleinere Zellen, die allesamt denselben Namen nutzen – zulässt, ist unklar.

          Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, eine dezidiert linke Forschungseinrichtung, die Arnold für seine wissenschaftliche Tätigkeit bezahl, erhielt unterdessen seit 2021 vom Bildungsministerium über 145.000 Euro projektbezogene Steuergeld. Ein akademisches Vorhaben am Institut trug den Titel: „Antimuslimischer Rassismus in Print- und sozialen Medien nach dem 7. Oktober 2023“.

          Arnolds und Çapulcus Schriften sind dabei maßgeblich von der Kybernetik inspiriert, also einer Denkschule zwischen Technologie und Geisteswissenschaft. Neben Stafford Beer, Talcott Parsons oder Heinz von Foerster brachte sie auch Terroristen wie den Amerikaner Ted Kaczynski hervor, auch bekannt als „Unabomber“. Zwischen 1978 und 1995 verschickte Kaczynski 16 Paketbomben an verschiedene Personen und Institutionen in den USA. Er tötete damit drei Menschen, 23 Personen wurden verletzt. Kaczynskis Motiv: eine radikale Ablehnung moderner Technologie und industriellen Fortschritts, die er als Zerstörer der menschlichen Freiheit, der Natur und der Gesellschaft ansah.

          In Basel endet der Samstagabend nach fast fünf Stunden. Die Aktivisten verabreden für den Frühling vage ein Treffen in Berlin. Dann soll auf einer Konferenz über die „Cables of Resistance“, also die Kabel des Widerstands, referiert werden. Die Veranstaltung, die vom 10. bis 12. April in der Szenelokalität „Lunte“ in Berlin-Friedrichshain stattfinden soll, wird von linken Gruppierungen wie „Berlin vs. Amazon“ oder „Tesla den Hahn abdrehen“ beworben; bürgerliche Namen von Veranstaltern hinter dem Event finden sich nicht.

          Bei den „Cables of Resistance“ wird für den Widerstand gegen „Big Tech“ getrommelt: Auch Arnold und Çapulcu wollen vor Ort sein.
          Bei den „Cables of Resistance“ wird für den Widerstand gegen „Big Tech“ getrommelt: Auch Arnold und Çapulcu wollen vor Ort sein.

          „Wir sind Bewegungen und antikapitalistische Aktivisten, die verschiedene Formen des Widerstands gegen Big Tech praktizieren. Wir wollen interessierte Menschen, Aktivisten und Bewegungen zusammenbringen, vernetzen und lokale Kämpfe verbinden“, heißt es auf der Website. Auch internationale Gäste werden erwartet. Arnold und das Çapulcu-Kollektiv würden vor Ort sein, kündigen sie im „neuen kino“ in Basel an, die Aktivisten aus der Schweiz seien eingeladen, in die deutsche Hauptstadt zu reisen. „Wir wollen unser Verständnis des Problems vertiefen, Ideen über notwendige Formen des Handelns austauschen, Strategien gemeinsam entwickeln und den Widerstand vorantreiben.“

          „Widerstand“ klingt für manch einen wie eine stille Drohung. So, als könnte der Brand der Hochspannungskabeln in Berlin-Lichterfelde nicht der letzte Anschlag auf kritische Infrastruktur gewesen sein.

          *Korrektur: In einer ersten Version des Artikels hieß es, das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialwissenschaften habe ausschließlich Geld aus dem Familienministerium unter Lisa Paus (Grüne) erhalten. Die Zuwendungen kamen jedoch auch aus dem Bildungsministerium von Bettina Stark-Watzinger (FDP).

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          Marek C.
          12. Januar 2026, 07:14

          Endlich verstehe ich, warum NIUS vom Verfassungsschutz beobachtet werden soll - wie sonst käme der Verfassungsschutz zu Informationen über die Linken?!

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          Silke B.
          12. Januar 2026, 06:20

          Die Entwicklung, die Deutschland insbesondere seit der Ampel nimmt, ist erschreckend. Noch mehr erschreckt mich die schweigende Zustimmung der CDU-geführten Bundesregierung. Mit diesen Schweigen sind alle Altparteien nicht mehr wählbar.

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          Sabine V.
          12. Januar 2026, 05:29

          Kranke Menschen!

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          Jürgen B.
          12. Januar 2026, 07:18

          Die RAF 2026 ist da, nur vom sogenannten Verfassungsschutz hört man nichts, die sind mit dem Kampf gegen Rechts beschädigt.

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